Weniger ist mehr!

Wir gehen erstmal vom besten Fall aus: Pferde können ohne uns und vor allem ohne Hufbearbeitung überleben. In der richtigen Umgebung und der richtigen Laufleistung schaffen sie es sich die Hufe optimal zu erhalten, ganz allein. Selbst, wenn sie keine optimalen Bedingungen haben, geben sie ihr bestes die Hufe entsprechend in Form zu halten. Das können wir zum Beispiel bei den wilden Ponies bei uns beobachten. Die Hufe sind viel zu lang. Aber Stück für Stück brechen sie raus, was nicht immer schön aussieht, aber wenn das Stück abgebrochen ist, ist es total okay. Natürlich würde wir es sehr gern bearbeiten und beim Anblick der langen Latschen juckt es uns in den Fingern, aber bei Wildpferden kommt man nicht so direkt an die Hufe – das dauert.

Nun aber zurück, also auch wenn die Pferde sich nicht genug ablaufen, brechen sie irgendwann Stücke aus und die Hufe sind wieder komfortabler. Das passiert auch unterm Huf. Sohle, Strahl, Eckstreben – alles löst sich, wenn es über ist.

Jetzt kommen wir als Hufbearbeiter und bearbeiten die Hufe jedes Mal so, dass es schön aussieht und der Kunde zufrieden ist. Was machen wir da eigentlich? Warum vertrauen wir dem Huf nicht ein Stück weit, dass er selber weiß, ob Sohle oder Strahl weg kann? Warum lassen wir nicht die Eckstreben mal stehen und gucken, wann das Pferd entscheidet, dass es sie nicht mehr braucht?

Wir haben uns in den letzten Jahren in die Richtung der minimalistischen Hufbearbeitung entwickelt. Nach dem Motto „Weniger ist mehr“ bearbeiten wir nach Möglichkeit nur punktuell, also z. B. nur den Tragrand auf einer Breite von 5 cm, weil das Pferd es an der Stelle nicht schafft, den Huf zu erhalten und wir nicht warten möchten wie bei den wilden Ponies bis es rausbricht. Der Rest des kompletten Hufes bleibt unangetastet. Und wir freuen uns jedes Mal riesig, wenn nur so wenig zu machen ist.

Manchmal ist der Übergang von viel bearbeiten zu wenig bearbeiten schwierig, weil der Huf auf einmal so usselig aussieht. Es kann sein, dass es übermäßig wuchert. Das machen Hufe oft, wenn mehr weggenommen wurde, als es für das Pferd in dem Moment okay war. Wenn es mehr wuchert haben die meisten Bearbeiter im Sinn noch mehr zu machen. Und es entsteht ein Teufelskreislauf. Diesen zu durchbrechen ist nicht einfach. Obwohl es so einfach ist.

Wenn man also einfach mal weniger macht, merkt man auf einmal, dass nicht so viel nachwächst, es nicht so schnell schief wird, die Sohle auf einmal dicker wird oder der Strahl sich entwickelt. Es tun sich ganz wunderbare Dinge. Denn wenn ich nur da bearbeite, wo es das Pferd selber nicht schafft, muss es keine Überstunden schieben meine Arbeit wieder auszugleichen. Der Huf kann sein volles Potenzial nutzen die Strukturen zu verbessern, die es nötig haben und muss sich um den Rest nicht kümmern.

Ein weiterer riesiger Vorteil ist die Korrektur. Da man nicht einfach beliebig viel Horn entfernen sollte, wenn man möchte, dass das Pferd danach noch läuft, muss man überlegen, was man wie viel bearbeitet. Um es etwas vereinfacht und nicht ganz korrekt, aber verständlich zu sagen: Man hat eine bestimmte Menge Horn die man hinterher auf dem Boden liegen haben darf. Diese Menge ist bei jedem Huf anders, aber darauf kommt es jetzt nicht an. Wenn du 100 Gramm abraspeln dürftest, oder 5 Gramm oder 1 kg, also eine bestimmte Menge, könntest du entweder überall ein bisschen bearbeiten oder an einer Stelle besonders viel. Wenn man einen symmetrischen Huf vorliegen hat, ist es super überall ein bisschen zu bearbeiten. Hat man einen schiefen Huf oder eine Auffälligkeit, macht es mehr Sinn all das Horn an einer (oder zwei) ganz bestimmten Stellen zu entfernen, zur Korrektur. Ich kann also viel besser korrigieren.

Natürlich könnte ich auch überall viel wegnehmen, aber dann läuft das Pferd vielleicht hinterher schlechter oder es wuchert viel mehr nach wie bereits weiter oben beschrieben. Zudem hat eine Korrektur und sei es nur eine zwei Zentimeter breite Stelle des Tragrandes, immer einen Einfluss auf den gesamten Huf. Mit einer Korrektur verändern sich Druck- und Zugverhältnisse, Belastungen aller anderen Sturkturen und vor allem auch die Dynamik. Vielleicht rollt das Pferd jetzt schneller ab oder gerader. Das hat einen Einfluss auf die Vorführphase, auf das nächste Auffußen, das wiederum auf die Stoßdämpfung, das auf die Belastung der Gelenke, Erschütterungen, Spannung und Entspannung der Muskeln, Sehnen, Faszien, Aktivierung der Nerven, der Wahrnehmung, der Durchblutung…und die Liste geht weiter.

Daher macht es in den allermeisten Fällen Sinn nur kleine Veränderungen am Huf zu machen und erstmal zu schauen wie der ganze Rattenschwanz dann reagiert. Dafür kann man dann zum Beispiel in kürzeren Abständen bearbeiten, jede Woche oder alle 14 Tage. Weniger ist meistens mehr!

Wie so eine minimalistische Bearbeitung aussehen kann zeigen wir euch in dem Video in der Lektion Erhaltungstrim.