Self-trim

Es gibt leider keinen so treffenden Begriff im Deutschen wie das Wort Self-trim. Es bedeutet einfach, dass Pferde es selber schaffen ihr Hufe so zu nutzen, dass sie ein optimales Gleichgewicht zwischen Wachstum und Abrieb haben. Also, dass sie sich quasi selber Schritt für Schritt bearbeiten. Oder auch mal Stück für Stück, wenn sie aus dem Gleichgewicht gekommen sind.

Bestimmt kennt es fast jeder, der schon mal mit Pferden zu tun hatte und einen Blick auf die Hufe geworfen hat: Es bricht manchmal etwas aus. Für viele Laien erschreckend und der Huf sieht nicht mehr „schön“ aus. Aber ist das jetzt schlimm oder nicht? Spricht es für eine schlechte Hornqualität oder sogar eine schlechte Hufbearbeitung? Oder sollte ich mich freuen, weil das Pferd sich selbst die Hufe bearbeitet? Und ab wann wird es kritisch?

Ein wunderschöner Mustanghuf in Nevada.

Wir haben den Self-trim bei den Mustangs und den Brumbies gesehen. Hufe wie sie kein Hufbearbeiter schöner hätte bearbeiten können. Bei freilebenden Pferden geht die Bearbeitung nur in Eigenarbeit, also Self-trim. Denn dort gibt es außer dem Boden kein Werkzeug zum Kürzen und Abkanten. Das heißt aber nicht, dass alle „Wildpferde“ die Hufe immer schön haben. Es gibt viele Gebiete in denen die Pferde es nicht schaffen sich dieses Gleichgewicht zu erhalten. Die Hufe werden immer länger und irgendwann reißt das Horn ein oder es bricht ein Stück weg. Auch das ist Self-trim. Aber vielleicht nicht wie wir uns das idealerweise vorstellen.

Was ist also der Unterschied? Die größten Unterschiede sind die Laufleistung, die Böden und das Futterangebot. Denn die entscheiden, wie viele Schritte die Pferde machen und ob sie sich dabei genug, zu wenig oder zu viel ablaufen. Aber was hat dann das Futter noch für einen Einfluss? Einmal bestimmt es mit wie viele Kilometer zurückgelegt werden müssen, um satt zu werden und dann hat es natürlich noch Auswirkungen auf die Hornqualität. Ist das Horn spröde und instabil, bricht eher was aus. Ist es sehr elastisch, kann es sich mehr dem Boden anpassen. Ist die Verbindung vom Innenleben zur Hufkapsel gestört wie bei einer Hufrehe, wächst die Wand vielleicht nicht Richtung Boden und kann sich dort ablaufen, sondern eher auf dem Boden entlang nach vorne und läuft sich nicht so schnell ab. Dann hebelt sie eher weg und irgendwann reißt die Hornkapsel kurz vor der Trachte ein und das erste Stück bricht raus. Es folgen weitere. Das sieht nicht schön aus, ist aber für das wildlebende Pferd in dem Moment die einzige Möglichkeit sich die Hufe zu kürzen, wenn Futter, Boden und Laufleistung es nicht besser erlauben. Während des Prozesses des Ausbrechens sieht der Huf oft gruselig aus. Meist ist dann innerhalb von wenigen Tagen oder Wochen aber alles grob abgebrochen und schon wieder ein bisschen in Form gelaufen, so dass der Huf wieder recht passabel aussieht.

Und wie sieht das jetzt bei unseren Hauspferden aus? Ist da ein Self-trim überhaupt möglich? Wenn wir nochmal kurz überlegen wie unsere Pferde meistens leben – also Laufleistung, Böden, Fütterung- kann man sich schon vorstellen, dass sie es oft nicht schaffen ausreichend Abrieb zu haben, um mit dem Wachstum in Waage zu sein. Stehen sie in der Box oder auf der Wiese oder auch in einem Offenstall mit Sandauslauf, ist der Boden einfach zu weich. Von der Laufleistung mal noch gar nicht gesprochen, denn die ist oft viel zu gering. Oder es gibt das andere Extrem, Paddockboxen oder Aktivställe mit gepflasterten Flächen, die sehr stark abreiben und gerade durch enge Wendungen viel Horn entfernen und das Wachstum nur schwer hinterherkommt. Aber Pferde sind Meister der Adaption und versuchen sich anzupassen und das Beste aus jeder Situation zu machen. Leider geben wir ihnen nicht immer alles, was sie wirklich dafür bräuchten, aber das kann man ja ändern.

Dieser Huf erhält sich weitestgehend selbst durch viel Bewegung im Paddock Trail.

Vielleicht ein paar grundsätzliche Erfahrungen zum Self-trim von uns:

– Wenn Pferde gute Voraussetzungen bekommen, schaffen sie es auch in Menschenhand sich die Hufe weitestgehend selbst zu erhalten und ihr könnt euch eine Menge Zeit und Geld für Hufbearbeitung sparen. Okay, das steckt ihr in die Böden und Fütterung, aber es macht richtig Spaß!

– Und das ist die nächste Erfahrung: Es macht richtig Spaß die Pferde beim Self-trim zu beobachten und auch die meisten Pferdebesitzer ergreift die Faszination, wenn sie diese Entwicklung bewusst miterleben.

– Schiefe Hufe werden oft gerader, wenn die Pferde möglichst viel laufen. Sollten sie trotzdem noch Imbalancen aufweisen, kann man ganz punktuell bearbeiten und den Rest des Hufes sich selbst überlassen.

– Wenn sich das Wetter ändert, verändern sich auch die Hufe. Und dann sehen sie manchmal etwas durcheinander aus. Sie brauchen ein bisschen Zeit sich anzupassen.

– Je weniger gute Böden und Bewegung ich bieten kann, desto wahrscheinlicher ist es, dass mein Pferd eine „künstliche“ Hufbearbeitung braucht.

– Die meisten Ausbrüche der Hufwände sind total unproblematisch und eher ein optischer Makel. Wenn die Pferde ein paar Tage über Kies und Sand gelaufen sind, sieht meist schon alles wieder gut aus.

– Und die meisten Ausbrüche sind auch gerechtfertigt. Die Hufe waren zu lang, der Boden hat sich verändert, die Flexibilität war eingeschränkt.

– Ob es kritisch wird, entscheidet nicht die Optik, sondern das Laufverhalten.

– Lieber ein bisschen zu wenig Abrieb, als zu viel. Mit etwas langen Hufen kommen die Pferde meist besser zurecht, als mit zu kurzen. Außerdem kann ich lange Hufe bearbeiten, zu kurze kommen gegebenenfalls nicht ohne Schutz aus.

– Auch Sohle, Strahl und Eckstreben werden beim Laufen auf den entsprechenden Böden bearbeitet und können sich wunderbar selbst erhalten.

– Wenn es nach langer Trockenperiode das erste Mal wieder regnet, schmeißen viele Pferde sehr viel Material unterm Huf ab. Das zuvor komprimierte Material weicht auf und es wird einfach nicht mehr so viel benötigt. Der Strahl schält sich zum Teil im Ganzen einmal ab. Auch mega spannend!

– Wenn du dir unsicher bist, ob das alles noch so in Ordnung ist, was dein Pferd macht oder du Veränderungen nicht einschätzen kannst, sprich deinen Hufbearbeiter darauf an. Nicht jedes Pferd schafft es sich anzupassen.

– Oft sind kleinere Macken mit einer moderaten Abrundung des Tragrandes direkt auszubessern. Größere Ausbrüche können nicht immer „schön“ geraspelt werden, machen aber deshalb trotzdem nicht unbedingt Probleme.

Wir hoffen, dass du nun etwas neugierig bist, einen Self-trim mal zu beobachten und du dich etwas entspannter zurücklegen kannst, wenn mal ein Stückchen Wand ausbricht.

Ganz extrem erleben wir das im Moment bei unseren wilden Exmoor-Ponies. Die vier sind wild geboren und waren zur Landschaftspflege in einem Naturschutzgebiet eingesetzt. Durch die sehr reichhaltige und zuckerreiche Futtergrundlage ist ihr Stoffwechsel entgleist und sie haben alle eine Hufrehe entwickelt. Aus diesem Grund mussten sie umziehen und sind dann zu uns in Reha gekommen.

Bei den Ponies stimmte quasi nichts so richtig: Die Böden waren sehr weich, vorwiegend Wiese und überschwemmte Gebiete. Wegen des großen Futterangebotes mussten sie nicht weit laufen, um satt zu werden und die zuckerreiche Nahrung hat für eine Störung der Verbindung von Innenleben und Hufkapsel geführt. Erschwerend kommt hinzu, dass dieses Ungleichgewicht zwischen Wachstum und Abrieb nicht durch eine regelmäßige Hufbearbeitung abgefangen werden konnte, da die Ponies nicht zahm sind. Die Folgen sind viel zu lange Hufe mit verbogenen Wänden, Ringen und Rissen.

Also nicht immer klappt es Pferde einfach „ganz natürlich und frei“ gesund und glücklich zu halten.

Wir haben dann ein paar Dinge verändert: Hier bei uns stehen die Pferde jetzt grasfrei und bekommen Heu mit wenig Zucker zu fressen, dazu ein angepasstes Mineralfutter. Das heißt das Futter wurde optimiert, abgewogen und auf viele kleine verteilte Mahlzeiten verteilt. Das führt wiederum dazu, dass die Pferde mehr laufen müssen. Die Böden sind bisher noch nicht ganz optimal, aber zum Teil haben die Ponies Kies, Sand und Schotter zur Verfügung, um den Self-trim zu unterstützen. Denn mit einer richtigen Hufbearbeitung brauchen wir den wilden Dingern noch nicht zu kommen, zumindest nicht allen.

Nach ein paar Wochen haben sie angefangen sich die Hufe selbst zu bearbeiten. Die lange hebelnde Zehe und die gesteigerte Bewegung haben dazu geführt, dass als erstes die Seitenwände eingerissen bzw. ausgebrochen sind. Irgendwann fing die Zehe dann an horizontal einzureißen und bei dem ein oder anderen fing es wirklich richtig gruselig an zu wackeln bei jedem Schritt. Wenn das dann endlich irgendwann abgebrochen ist, sehen die Hufe wirklich schon recht gut aus.

Man kann schon erahnen wie der Huf aussieht, wenn der Rest der Zehe wegbricht. Self-trim in großen Stücken.

Wir hätten uns das trotzdem anders gewünscht, weil natürlich die lange Zehe nicht förderlich für den Bewegungsapparat, die ganze Biomechanik ist. Aber glücklicherweise laufen die Pferde für den Anblick ihrer Hufe ziemlich gut. Nun gut, ein wildes Pony zähmt man nicht so im Handumdrehen, dafür konnten wir mehr Erfahrungen sammeln wie sie den Self-trim schaffen. Sehr beeindruckend!