Hufrehe & das Problem Hufbearbeitung

Weil Hufbearbeitung (allein) dich nicht weiterbringt

Es liegt auf der Hand: Hufrehe und Hufbearbeitung müssen doch irgendwie zusammenhängen, oder nicht?!
Wenn du uns schon ein bisschen kennst, wirst du unsere Antwort wissen: Es kommt drauf an.

Wir möchten ein mit ein paar Mythen rund um diesen Zusammenhang aufräumen. Denn die Hufbearbeitung kann bei einer Hufrehe gar nicht so viel ausrichten wie ein Hufbearbeiter sich das manchmal wünscht, kann im Gegenteil aber sehr viel schaden. Daher hier die häufigsten Probleme, die wir in der Praxis antreffen.

Hufbearbeitung als Behandlung der Hufrehe

Für uns kaum mehr verständlich bei der aktuellen Kenntnislage, dass immer noch viele die Hufbearbeitung als Behandlung einer Hufrehe sehen. Eine kurze Geschichte aus dem Alltag: Wir haben ein Pferd kennengelernt, dass bereits einige Jahre mit Hufrehe zu kämpfen hatte. Das Pferd konnte auch nach dieser langen Zeit nicht ohne Hufschutz laufen. Jetzt könnte man meinen, dass die Besitzer sich nicht gekümmert haben, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Es wurde alles Mögliche an den Hufen probiert: Barhuf, Hufschuhe, verschiedene Bearbeiter, Beschlag, Bekleb, noch mehr Bearbeitung – nichts hat geholfen. Die Hufe waren in einem desolaten Zustand und wiesen schon einige Schäden auf, die Prognose für eine erfolgreiche Reha war mittelprächtig.

Was war schief gelaufen?
1. Die Ursache der Hufrehe wurde nicht konsequent behandelt. Das hat zur Folge, dass die inneren und äußeren Strukturen nicht wieder gesund einwachsen können. Selbst, wenn die Pferde wieder ein bisschen besser laufen, gehen die inneren Strukturen weiter kaputt.

2. Weil sich die Hufe nicht entsprechend entwickelt haben, wurde immer ausgefallenere Dinge probiert. Aber viel hilft hier eben nicht viel. Kein Rehebeschlag, kein Bekleb, kein Rehepolster, keine Bearbeitungsmethode kann die Rehe heilen.

3. Die äußeren Strukturen wurden versucht in eine Balance zu bringen, die die inneren Strukturen gar nicht hergaben. Die äußere Hufkapsel ist lediglich der Schutz für die inneren Strukturen. Das Ziel sollte der optimale Schutz der inneren Strukturen sein, um eine gute Funktion zu ermöglichen, nicht die optische Herstellung einer bestimmten Form.

Möchtest du wissen wie man Hufrehe ursächlich behandelt? Hier findest du Infos zur den Hufrehekursen für Profis.

Optische Herstellung einer gewünschten Form

Anderer Fall, ähnliche Situation. Nach einem Röntgentermin riet der Tierarzt: Da muss einfach die Zehe weg, dann ist doch alles wieder gut.

Auch das sehen wir tatsächlich sehr häufig. Nach einem Röntgenbild werden Hufe in eine optisch gewünschte Form bearbeitet. Das hat leider häufig zur Folge, dass die Pferde nicht mehr genug Material haben, um gut laufen zu können.

Bleiben wir bei dem Beispiel: Die Methode einfach die Zehe stark zu bearbeiten, hatte man bei dem Pferd schon probiert, mit dem Ergebnis, dass es schlechter lief und die Hufrehe hatte es offensichtlich immer noch.

Wenn ich ein Röntgenbild habe, bei dem ich keine Parallelität von der Hufwand zum Knochen habe, verbessere ich nicht die Situation, in dem ich die Wand von außen strecke und so optisch eine Parallelität herstelle. Bei der Wandparallelität geht es ja nicht einfach um Linien, sondern um die gesunde Hufbein-Wand-Verbindung. Sprich, dass die Verbindungsschicht eng und stabil verbunden ist. Ist dies auf ganzer Länge der Fall habe ich auch eine parallele Hufwand zum Hufbeinrücken.

Ist die Hufbein-Wand-Verbindung gestört, macht es keinen positiven Unterschied, die Wand außen auch noch dünn zu raspeln. Viel mehr nehmen ich dann auch noch Schutz nach außen, Tragfläche nach unten und wenn ich zu weit in die Wandschichten reinraspel, trocknen ggf. noch die Lamellen aus und bekommen langfristige Schäden.

Daher unser Tipp: Guck nicht nach der äußeren Wandschicht im Vergleich zum Hufbeinrücken, wenn du dir die Wandparallelität auf einem Röntgenbild ansiehst, sondern guck dir den Verlauf der inneren Wandschicht im Vergleich zum Hufbeinrücken an. Lass dich nicht täuschen, wenn du dir „Erfolgsgeschichten“ ansiehst, sondern guck richtig hin.

Die ewige Angst vor Druck

Diese Angst hat schon so manches Pferd Schmerzen leiden lassen. Was wir damit meinen? Viele Hufbearbeiter und vor allem auch andere Therapeuten haben Angst vor Druck. Vor Druck auf die Sohle, vor Druck durch die Eckstreben, vor Druck auf die Hufbeinspitze, vor Druck auf den Strahl, vor Druck auf den Ballen, vor Druck auf die Wand.

Was wir uns fragen ist: Wie soll ein Pferd laufen, wenn eigentlich unter dem Huf keine Struktur Druck bekommen darf? Es sind nun mal ein paar hundert Kilo, die diese Hufe tragen müssen. Ganz ohne Druck geht das nicht.

Aber natürlich ist übermäßiger Druck und vor allem Dauerdruck ohne Entlastung schädlich.

Da gibt es aber super Lösungen aus unserer Sicht:

  1. Alle Strukturen unter dem Huf sollten einen Teil der Last tragen. So kann sich der Druck gut verteilen.
  2. Strukturen, die unterentwickelt sind, sollten durch andere Strukturen unterstützt werden. Besonders die Eckstreben, aber auch Wand oder Strahl können super kompensieren.
  3. Je mehr Schutz, desto besser. Denn nicht der Druck auf gut entwickelte dicke Hornstrukturen an sich ist schlimm, sondern der Druck auf lebendige Strukturen, wie die Lederhaut. Habe ich eine dicke verhornte Schicht darüber, schützt diese vor unangenehmem Druck.
  4. Bewegung, ist bei einer akuten Hufrehe manchmal nicht möglich, aber in ganz vielen Situationen schon: Dauerdruck ist ein Problem, aber bei jedem Schritt findet eine Entlastung statt und dieser Wechsel aus Druck und Entlastung ist richtig gut für Hufe.
  5. Einsinkeböden. Wenn man Sorge vor prominenten Strukturen, bzw. deren Druck hat, helfen Böden, die ein bisschen Einsinken ermöglichen. Auch dadurch wird der Druck besser auf alle Strukturen verteilt und ist nicht punktuell.
  6. Vertrauen in den Huf und in das Pferd. Wir sollten wieder mehr vertrauen, dass das Pferd einiges besser weiß als wir. Ist zum Beispiel eine Eckstrebe sehr prominent, versucht sie vielleicht für eine dünne Sohle zu kompensieren. Du solltest dann die dünne Sohle innerlich unterstützen und äußerlich vor Abrieb schützen und nicht die Eckstrebe bei ihrer Arbeit stören. Vertrau dem Huf und dem Pferd und arbeitet im Team.

Wenn die Statik wichtiger ist als die Dynamik

Das Wort Balance ist mittlerweile schon ein bisschen abgedroschen in der Hufwelt. Trotzdem ist es immer noch sehr verbreitet, dass Hufe statisch in eine Balance gebracht werden. Bestimmte Winkel, Längen, Gleichgewicht oder Maße werden am Huf bestimmt, die dann ein gutes Bild abgeben. Ein Standbild. Aber was ist, wenn das Pferd losläuft?!

Einen großen Einfluss haben wir auch indirekt durch die sozialen Netzwerke: Es werden Bilder eingestellt und schon fliegen die Fetzen. Es werden die dollsten Kommentare und wildesten Behauptungen aufgestellt. Oft anhand einzelner Bilder ohne weitere Hintergrundinfos. Daher können wir den Trend hin zu einer Bearbeitung nach statischen Kriterien ein bisschen verstehen. Besonders das Beurteilen einer Bearbeitung mit Vorher-Nachher-Vergleich übt schon einen gewissen Druck auf uns Bearbeiter aus.

Ist dir schon mal aufgefallen, dass wir sehr selten bearbeitete Hufe öffentlich einstellen? Oder dass wir die Bearbeitung anderer nicht auf Grund einzelner Bilder kritisieren? Das hat gute Gründe.

Zum einen gefällt uns der Ton im Internet oft nicht. Denn es ist total egal wie gut ein Pferd läuft, jeder möchte seinen Senf dazugeben und weiß besser, was noch richtig schlecht ist oder was unbedingt bearbeitet werden muss. Aber noch viel wichtiger: Wir maßen uns nicht an, darüber zu urteilen, wenn wir nur die Istsituation sehen und/oder die Dynamik und/oder Hintergrundinfos fehlen.  

Denn, um zum Punkt Statik vs. Dynamik zurückzukommen, es ist sehr viel wichtiger wie ein Pferd läuft und wie es die Hufe nutzt, als dass es besonders gut dasteht.
Versteh das nicht falsch: Wir orientieren uns auch an der Optik, aber mehr an Verhältnissen als an fixen Maßen oder Winkeln, vor allem an den inneren Strukturen. Und ja, es gibt Zusammenhänge zwischen Statik und Dynamik.

Aber die Bewegung sollte immer an erster Stelle stehen – also wie das Pferd die Hufe bei Belastung nutzt. Denn die tollste Statik bringt nichts, wenn sie zu einer ungesunden Nutzung führt.

Beispiel Rehepferd: Viele bauen unheimlich hohe Trachten in der Rehaphase. Oft werden diese dann bei einer Bearbeitung gekürzt. Das kann richtig sein oder eben genau falsch. Dazu muss ich mir die Dynamik ansehen. Zeigt ein Pferd eine stark überzogenen Trachtenfußung kann ein Kürzen sinnvoll sein. Zeigt es eine leichte Trachtenfußung sollte ich die Trachten einfach lassen. Zeigt das Pferd eine Zehenfußung (gibt es auch bei Rehepferden) sind die Trachten vielleicht noch immer nicht lang genug. Also gleiches optisches Erscheinungsbild, aber andere Dynamik – heißt andere Herangehensweise bei der Bearbeitung.

Andersherum: Wenn ich in diesem Bespiel die Trachten kürze, weil ich Angst vor dem Druck auf die Hufbeinspitze habe, und das Pferd danach den hinteren Hufbereich entlastet, zwinge ich es noch mehr auf die Hufbeinspitz, erreiche also genau das Gegenteil.

Merke: Die Dynamik ist immer wichtiger als die Statik. Und ja, oft sehen die Hufe phasenweise alles andere als hübsch aus.

Veränderung der Belastung, durch Bearbeitung, Keile oder Hufschutz

Schließt sich ein bisschen an die vorangegangenen Themen an. Aber es geht noch einen Schritt weiter. Denn oft wird nicht nur eine Struktur geschwächt durch Angst vor Druck oder eine optische Wunschsituation hergestellt, sondern es wird immer noch sehr häufig folgendes gemacht: Man bearbeitet den Huf und baut dann an gleicher Stelle ein künstliches Polster oder ähnliches drunter?!?!

Zum Beispiel wird die Trachte gekürzt, der Strahl beschnitten und die Eckstreben stark bearbeitet, um dann ein Polster mit Keil und Beschlag oder Bekleb anzubringen. Das macht aus unserer Sicht nicht so viel Sinn, weil

  1. Das Pferd oft besser weiß, wo Schutz nötig ist und welchen Teil es gern belasten möchte. Thema Vertrauen ins Pferd und in die Hufe.
  2. Wir glauben, dass das natürliche Material besser schützt als künstliches.
  3. Viele Polstermaterialien ein Komprimieren des Horns nicht mehr ermöglichen.
  4. Ein permanenter Schutz die regelmäßige Bearbeitung erschwert.

Zudem ist das Anbringen von Keilen mittlerweile eigentlich schon überholt und wurde ursprünglich im ganz akuten Fall für bis zu 72 Stunden genutzt, um weitere Schäden zu verhindern, nicht als Dauereinsatz.

Das macht aber nur Sinn, wenn die Schäden nicht schon da sind, was bei den meisten Rehefällen, die endokriner Natur sind, bei einem akuten Schub schon lange zu spät ist – also die Schäden im Huf sind oft schon da.

Deshalb ist das Anbringen von Keilen in den allermeisten Fällen kontraindiziert.

Und wir sollten generell darüber nachdenken, welchen Sinn es macht einen natürlichen Schutz durch einen künstlichen zu ersetzen.

Unzureichende Kenntnisse zur Lokalisierung der inneren Strukturen als Basis für die Bearbeitung

Diesen letzten Punkt möchten wir noch einmal ansprechen, denn wohl einer der schmerzhaftesten Punkte für unsere Pferde.

Bei jeder Bearbeitung muss sich ein Bearbeiter anhand der äußeren Strukturen ein Bild über die inneren Strukturen machen. Zugegeben bei Rehehufen schon mal etwas anspruchsvoll, aber zwingend notwendig, um dem Pferd nicht zu schaden.

Denn oft wird genau an den Stellen bearbeitet an denen eigentlich schon zu wenig Material ist. Das macht keiner mit böser Absicht, aber mit schwerwiegenden Folgen.

Wieder am Beispiel Rehepferd:

  • Häufig werden Sohlen bearbeitet, die eh schon zu dünn sind – im Namen der Bodenfreiheit oder wieder die Angst vor dem Druck.
  • Häufig werden Hufe gekürzt, weil die Hufkapsel sehr hoch ist, ob wohl sie schon zu kurz sind. Das passiert, wenn die inneren Strukturen in die Hufkapsel rutschen, also absinken, bzw. sich die Hufkapsel hochdrückt.
  • Häufig werden Trachten gekürzt, weil sie zu lang scheinen, dabei sind die die einzigen Strukturen mit ausreichend Material und am Rest des Hufes ist zu wenig Schutz. Das kann mit allen anderen Strukturen passieren, wenn man sich an der kürzeren orientiert, die vielleicht schon zu kurz ist.
  • Es werden Zehen gekürzt, um den Hebel zu minimieren, ohne zu bemerken, dass das Hufbein vielleicht schon nach vorne verbogen und entsprechend die Lederhaut verlagert ist.
  • Es werden Sohle, Strahl, Eckstreben bearbeitet, ohne zu bedenken, dass sie das wichtige Fundament sind, was das Pferdegewicht trägt, wenn die Hufbein-Wand-Verbindung nicht mehr hält.

Was solltest du dir besonders gut merken?

Hufrehe wird nicht durch Hufbearbeitung geheilt. Der Fokus muss auf der Behandlung der Ursache liegen. Die Hufsituation hängt nicht mit dem Grad der Schmerzen zusammen und eine Hufbearbeitung kann mehr Schaden anrichten, als Erfolge vorzubringen.

Aber eine Hufbearbeitung kann bei Hufrehe die Behandlung richtig gut unterstützen, wenn man die Hufe lesen lernt, innen, außen und in der Bewegung und wenn man sich daran orientiert, was man unterstützen kann, nicht daran, was weggemacht werden muss, um einen Vorher-Nachher-Effekt zu erreichen oder eine Balance herzustellen. Es geht nicht um schnelle Effekte, sondern um langfristig nachhaltig gesunde Hufe.

Du möchtest mehr zum Thema Hufrehe und Hufbearbeitung wissen? Hier findest du Infos zur den Weiterbildungen.

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