HUFREHE – mit Bewusstsein durchs ganze Jahr

Die traditionelle Sichtweise ist immer noch, dass die größte Gefahr, dass Pferde Hufrehe entwickeln, im Frühjahr ist. Leider können wir aus unserer Erfahrung sagen, dass es keine bestimmte Zeit gibt, in der Pferde Hufrehe bekommen. Wir bekommen über das ganze Jahr hinweg Anfragen von Pferdebesitzern mit Hufrehepferden. Es gibt vielseitige Auslöser, die ein stoffwechselempfindliches Pferd über die Kante kippen können, und daher möchten wir hier das Bewusstsein schärfen, welche Gefahren über das ganze Jahr hinweg lauern. Bzw. manche Phasen sind für bestimmte Stoffwechselerkrankungen gefährlicher als für andere.

Frühjahr

Das Frühjahr ist noch die meist gefürchtete Zeit. Die Pferde werden angeweidet und stehen oft viel zu früh auf den Wiesen. Die Nächte sind noch kalt, die Tage sonnig und das Gras kann noch nicht entspannt wachsen. Durch die fehlende Photosynthese, bei unter 5 Grad Celsius wird der Zucker nicht für das Wachstum genutzt, steigt die Zuckerkonzentration im Gras. Das Fruktan ist nicht der Auslöser, wie häufig angenommen. Denn Fruktan ist für Pferde kaum zu verdauen und führt nicht zu einem Blutzuckeranstieg mit folgender Insulinausschüttung. Der Zucker ist das Problem und das vor allem bei Pferden mit genetischer Prädisposition zur Insulinresistenz.

Auch wenn in Tierversuchen von Prof. Chris Pollitt Hufrehe durch Fruktane ausgelöst wurde, weiß man heute, dass dies in der Praxis eher nicht relevant ist. In den Versuchen wurde durch ein massenhaftes Absterben der Darmbakterien eine Hufrehe ausgelöst, dies hatte nichts mit einer Stoffwechselerkrankung zu tun und kann im Prinzip durch sämtliche Überfütterungen ausgelöst werde. Dabei tritt Fieber und Durchfall mit auf. Zwar können empfindliche Pferde durch sämtliche Kleinigkeiten aus der Bahn geschmissen werden, so bestimmt auch durch die Aufnahme von Fruktan, aber das größere Problem ist der einfache Zucker.

Neuere Studien zeigen, dass die meisten Hufrehefälle, die mit Weidegang in Verbindung stehen, eben endokrinen Ursprungs sind.  Trotzdem kann jedes Futtermittel im Übermaß eine Hufrehe auslösen, aber dann nicht Zuckerstoffwechselbedingt, sondern durch ein Absterben der Darmbakterien. Pferde sind auf die Bakterien im Darm angewiesen, um den Nahrungsbrei zu verdauen. Diese sind spezialisiert auf bekannte Futtermittel. Daher sollte eine Futterumstellung auch immer langsam gemacht werden. Denn diese Population von Bakterien kann durch eine übermäßige Aufnahme unbekannter Nahrungsmittel absterben und zur Freisetzung von Toxinen führen, die wiederum auch eine Hufrehe auslösen können, meist in Verbindung mit Durchfall, Fieber und schlechtem Allgemeinbefinden. Dies ist aber eine andere Ursache für eine Hufrehe und auch die Folgen in den Hufen sind anders als bei einer endokrinen Hufrehe.

Um nochmal auf den Punkt zu kommen: Der entgleiste Zuckerstoffwechsel ist in den allermeisten Fällen einer Hufrehe im Frühjahr das Problem und die Weide nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. In den meisten Fällen kann diese Entgleisung schon deutlich früher am Pferd erkannt werden.  Wenn ein Pferd empfindlich ist, sollte man daher nicht so früh, falls überhaupt, mit dem Anweiden beginnen. Solange Anzeichen einer Insulinresistenz zu sehen sind, raten wir vom Weidegang ab. Sind die Pferde symptomlos, kann man mit dem Anweiden am besten im Juni oder Juli anfangen, je nach Stand des Wachstums. Das Anweiden sollte langsam geschehen, wegen der Darmbakterien, und die Gräser sollten möglichst ausgewachsen sein. Da nachts die Wachstumsphase der Gräser ist und somit der Zucker verbraucht wird, ist das Grasen in den frühen Morgenstunden am sichersten. Zumindest so lange es keine kalten Nächte mehr gibt, was im Juni eher unwahrscheinlich ist. Trotzdem empfehlen wir die Weidezeit einzuschränken. Pferde die richtig gut im Training sind und Muskulatur aufgebaut haben, können im Normalfall deutlich mehr Weide vertragen als Pferde, die wenig Bewegung haben. Nach dem Training ist außerdem die Umsetzung am besten. Was dafürsprechen würde, dass man am besten nachts reitet und dann vor Sonnenaufgang die Pferde auf die Wiese lässt, um sie dann vormittags wieder von der Wiese holt. Das ist vielleicht aber etwas schwer in der Praxis umzusetzen und entspricht vielleicht auch nicht den Vorstellungen des Pferdes.

Praxistipp: Wir weiden zu Beginn über frisch geschnittenes Gras an. Das ist manchmal zeitlich leichter umzusetzen. Wichtig: Das Gras darf nicht länger liegen, sondern muss direkt frisch verfüttert werden.

Sommer

Wir sind jetzt quasi schon im Sommer angekommen. Gerade die letzten sehr trockenen Sommer haben gezeigt, dass auch hier ein erhöhtes Risiko besteht an Hufrehe zu erkranken. Es wird häufig so praktiziert, dass die Risikoferde dann auf die abgefressenen Wiesen kommen, da man fast keinen Bewuchs mehr sieht. Das Gras ist natürlich ziemlich gestresst, da der Verbiss, die Hitze, die Trockenheit und der Vertritt ihm zu schaffen machen. Es schützt sich mit der Einlagerung von Zucker oder Gräsergiften. Fressen die Pferde dieses gestresste Gras, kann auch das wieder der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Pferde mit Vorbelastung erleiden einen akuten Reheschub, der aber zu erwarten war in den meisten Fällen.

Zudem wird bei der Hitze nicht übermäßig gearbeitet oder man fährt in den Urlaub und gönnt dem Pferd auch mal eine Pause. Meist sind es tatsächlich diese Kleinigkeiten, die die bisherige Kompensation übermäßig strapazieren. Trotzdem sei nochmal gesagt, dass diese Rehefälle nicht aus dem Nichts kommen. Die Anzeichen der Stoffwechselentgleisung sind oft Jahre zuvor erkennbar.

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Ein häufiges Phänomen ist dann auch die Vermutung, dass es sich um eine Belastungsrehe handelt durch den ausgetrockneten harten Boden. Mit einer Belastungsrehe ist aber nicht die Belastung durch das Übergewicht gemeint, sondern die Nutzung eines oder mehrerer Hufe über seine Möglichkeiten hinaus. Eine Belastungsrehe wird mittlerweile in der Wissenschaft eigentlich nur noch mit einer Verletzung einer Gliedmaße in Verbindung genannt, die eine Belastungsrehe auf der übermäßig belasteten Gliedmaße auslöst.

Natürlich kann eine Sohlenlederhautreizung oder –entzündung bei einem unterentwickelten oder vorgeschädigten Huf durch harten Boden oder übermäßige Nutzung ausgelöst werden und das Übergewicht trägt ggf. auch dazu bei. Aber in den meisten Fällen sind es die insulinresistenten Pferde, deren unbehandelte Krankheit zu einer endokrinen Hufrehe führt, die dann fälschlicherweise als Belastungsrehe gilt. Die Mechanik und auch die Behandlung unterscheiden sich allerdings voneinander.

Da die stoffwechselbedingte Hufrehe deutlich einschneidendere Folgen für das weitere Leben hat, verstehen wir, warum sich ein Besitzer vielleicht „wünscht“, dass es eine Belastungsrehe ist. Aber es liegt auf der Hand, dass wenn die richtige Ursache nicht behandelt und behoben wird, es früher oder später zu weiteren Schüben kommen wird.

Herbst

Die Hufrehefälle, die überraschend im Herbst auftreten, lassen uns immer direkt an PPID denken. Da der natürliche ACTH-Anstieg bei Pferd im Herbst zum saisonalen Höhepunkt kommt, führt das bei unbehandelter PPID häufig zur Hufrehe. Meist ist es das erste Anzeichen, das wahr- oder ernstgenommen wird. Dabei kann man bei vielen Pferden schon frühzeitig Symptome unkontrollierter Hormonausschüttungen feststellen. Aber auch für die insulinresistenten Pferde besteht ein erhöhtes Risiko. Denn die Vorbereitung auf den Winter bringt eine Insulinresistenz als Überlebensstrategie mit sich. So können die Pferde mehr einlagern, um sich darauf vorzubereiten, den kargen Winter mit weniger Futter zu überstehen. Nur, dass unsere Pferde diese kargen Winter meist nie erleben. Einige Jahre kompensieren sie dieses Problem meist noch, aber irgendwann erleiden sie dann „aus dem Nichts“ eine Hufrehe.

Zudem reifen im Herbst viele Früchte. Nicht nur Obst, an das viele Pferde auf den Wiesen drankommen, sondern auch Bucheckern, Eicheln und Co. oder einfach das fallende Laub. Diese können sehr viel Stärke und Zucker enthalten und somit schon in geringen Mengen zu Hufrehe führen, wenn ein Pferd insulinresistent ist. Zudem kann die übermäßige Aufnahme von Bitterstoffen die Leber belasten, die bei endokrinen Störungen häufig eh schon in Mitleidenschaft gezogen ist.

Auch Hagebutten oder andere Früchte und Kräuter können direkt oder indirekt zur Krankheit führen. Häufig ist der Zucker das Probleme, aber auch die Aufnahme von viel Vitamin C kann Schwierigkeiten mit sich bringen. Vitamin C sorgt für eine verbesserte Verfügbarkeit von Eisen im Körper. Hört sich erstmal positiv an, ist aber bei Pferden ein großes Problem. Die meisten sind nämlich mit Eisen eher überversorgt und man vermutet mitterweile, dass diese Überversorgung mit zur Entstehung einer IR oder auch PPID verantwortlich ist.

Winter

Auch im Winter erkennen wir einige Risikofaktoren, die leider immer wieder zu Hufrehe führen. Wie bereits erwähnt, sind die Lebensumstände, also das ständig „gute“ Futterangebot über das ganze Jahr ein Problem. Zudem kommt die gut gemeinte Fütterung von Obst und Gemüse im Winter, da den Pferden das Saftfutter fehlt. Dabei wird häufig vergessen, dass gerade Möhren und rote Beete viel Zucker enthalten oder auch viel Eisen, was vermutlich eine Insulinresistenz fördert, im negativen Sinne.

Im Winter sind die meisten Pferdebesitzer sehr überrascht, wenn die Pferde eine Hufrehe bekommen, da sie davon ausgehen, dass reine Heufütterung sicher ist. Aber leider lauern auch hier Gefahren. Denn gerade nach den trockenen Sommern, enthalten viele Heuchargen sehr viel Zucker, was man aber ohne Heuanalyse nicht bemerkt. Wichtig ist, sich bewusst zu sein, dass Pferde auch von Heu eine Hufrehe bekommen können, wenn der Stoffwechsel schon auf dem Weg ist zu entgleisen.

Das kalte Wetter und die frostigen Temperaturen können außerdem bei vorgeschädigten Hufen zu einer sogenannten „Winterhufrehe“ führen. Dabei haben die Pferde ähnliche Schmerzen wie bei einer Hufrehe, die aber durch eine Minderdurchblutung entstehen. Die eh schon geschädigten Gefäße ziehen sich bei Kälte noch mehr zusammen und sorgen so für diese Durchblutungsstörung. Hier ist es wichtig die Pferde und Hufe warm zu halten und so die Durchblutung zu fördern. Einsinkeboden oder entsprechende Polster und Hufschuhe fördern ebenso die Durchblutung durch das Aktivieren von Nerven.

Fazit

Wichtig ist, dass man sich trotzdem nicht das ganze Jahr über sorgt. Sondern dass man sich dessen bewusst ist und entsprechende Maßnahmen unternimmt, damit das Pferd eben nicht an Hufrehe erkrankt. Hier ist Prävention gefragt und je eher wir uns der Gefahren bewusst sind, je eher wir Risiken erkennen und je besser wir aufgeklärt sind über Möglichkeiten der Prävention, desto mehr Pferden können wir dieses Leid ersparen.

Dein Pferd hat aktuell Hufrehe? Im Notfallkurs findest du kurz & knapp die wichtigsten Infos, was zu tun ist.

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