Warum du mehr Rehepferde in der Kundschaft hast, als dir bewusst ist

… und wie deine Arbeit noch mehr Effekt haben kann

Im letzten Jahr hatte eine Kollegin angefragt, was denn im Kurs zum Thema Hufrehe enthalten wäre, weil sie eigentlich nicht wirklich Rehepferde in der Kundschaft hat und nicht weiß, ob sich die Investition für sie lohnt. Total verständlich, dass sie darüber nachdenkt, was ihr der Kurs bringen würde.

Das Problem, das wir hier sehen, ist hier die Definition: Wann hat ein Pferd denn eine Rehe? Denn aus unserer Sicht ist ein Pferd nicht erst dann betroffen, wenn es nicht mehr laufen mag, die Füße kochen und es in die typische Rehestellung geht.

Wir müssen hier umdenken, denn gerade als Hufbearbeiter oder noch weniger als andere Therapeuten sind wir nicht unbedingt der erste Ansprechpartner im akuten Hufreheschub. Hier ist der Tierarzt gefragt. Aber was ist mit all den Pferden, die schon auf dem Weg in die Hufrehe sind? Deren Symptome schon eindeutig sind? Die haben wir haufenweise in der Kundschaft. Und hier sollte unsere Arbeit ansetzen. In der Prävention! Dann können wir richtig viel bewirken.

Aber fangen wir mal vorne an. Es gibt natürlich unendlich viele Zusammenhänge, aber wir gehen hier mal nur auf ein paar wenige ein.

Deine Arbeit hängt von so viel mehr ab.

Du bist Hufbearbeiter und hast diese paar Pferde, ja die sind auch ein bisschen dick, und sie haben einfach immer eine dünne Sohle, die Wände hebeln weg und du bist mit der Entwicklung nicht so zufrieden? Du hast den Besitzern vielleicht auch schon gesagt, dass die Pferde abnehmen müssen, aber so richtig passiert nichts?

Vielleicht hattest du sogar schon mal den Fall, dass ein Pferd nach deiner Bearbeitung schlechter gelaufen ist? In erster Linie solltest du natürlich darüber nachdenken, ob du hättest anders bearbeiten müssen (in den meisten Fällen weniger). Aber es gibt also mehrere Möglichkeiten:

Du hast zu viel bearbeitet. Vielleicht, weil du versucht hast einen Huf in Balance zu bringen, der es aber nicht verträgt? Oder weil du wolltest, dass der Kunde optisch zufrieden ist mit deiner Arbeit? Oder weil ein Kollege/Stallkollegen/Tierarzt gesagt hat, dass die Hufe mal ordentlich ausgeschnitten werden müssen? Pferde mit subklinischer Hufrehe haben andere Ideen zur Bearbeitung.

Hör auf dein Bauchgefühl

Vielleicht hattest du aber auch schon ein komisches Baugefühl? Oder du warst dir deiner Sache total sicher und bist jetzt total überrascht, dass dein Kunde sich meldet und berichtet, dass das Pferd schlechter läuft?! Erstmal ist es niederschmetternd, aber bitte versuche das Feedback deines Kunden anzunehmen und daraus zu lernen! Geh nicht in den kompletten Widerstand (auch wenn es schwer fällt) und erstarre auch nicht, sondern überlegt gemeinsam, was ihr besser machen könnt!

Das hilft nicht!

Einmal vorab: Noch mehr bearbeiten, weil man denkt irgendwo drückt noch etwas oder die Problematik mit einem permanenten Hufschutz (egal ob Beschlag oder Bekleb) sind in den allermeisten Fällen nicht die Lösung oder verschlimmern sogar das ursprüngliche Problem bzw. die Folgen!!

Grundsätzlich ist unser Motto bei der Bearbeitung: Weniger ist mehr und vor allem Funktionalität vor Optik!
Also bearbeite nur so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Und das heißt oft, dass du vielleicht nur eine Hufhälfte bearbeitest oder wenn eh von allem zu wenig ist, einfach mal nix. Du kannst hier nicht nach einem Schema vorgehen oder bei allen Pferden die gleichen Regeln anwenden. Jedes Pferd ist individuell und besonders bei Rehepferden musst du sicher die Hufe lesen können und ein Bild der inneren Strukturen haben!

Aber es gibt eben auch noch ganz andere Szenarien.

Vielleicht kam deine Bearbeitung auch mit einem ganz anderen Anlass zusammen: Ein viel intensiveres Training, ein Unfall (ausrutschen auf der Wiese ohne weiter Anzeichen) oder das Pferd kippt nach langem Wanken über die Kante und die Rehe wird sichtbar. Das erleben wir sehr sehr oft.

Die Ursache liegt woanders.

Was meinen wir damit?
Die meisten Pferde, die eine Hufrehe bekommen, haben als grundlegende Ursache eine endokrine Problematik, also ein Equines Metabolisches Syndrom (EMS) oder eine Pituitary Pars Intermedia Dysfunction (PPID). Auslöser für den akuten Hufreheschub kann dann das Gras, Stress, Jahreszeit, Futter mit zu viel Zucker oder Stärke sein, immer in Verbindung mit einer Hyperinsulinämie, also zu viel Insulin im Blut – diese Pferde sind aber insulinresistent und das Insulin sorgt für die Pathologien in den Hufen.

Der akute Schub kommt bei diesen Pferden aber (fast) NIE aus dem heiteren Himmel, sondern kündigt sich Monate oder sogar Jahre vorher an. Und das ist der Punkt, an dem du als Hufbearbeiter oder Therapeut die Verantwortung zur Aufklärung übernehmen solltest!

Du interessierst dich für die Profi-Weiterbildung zum Thema Hufrehe? Hier findest du mehr Infos.

Auch andere Therapeuten haben diese Probleme

Euch Therapeuten (Physiotherapeuten, Osteopathen, Tierheilpraktiker, aber auch Trainer & Co) haben wir in diesem Artikel bisher etwas stiefmütterlich behandelt. Aber für dich gilt dasselbe: Du hast bestimmt auch das eine oder andere Pferd, bei dem du nicht weißt, ob wirklich noch Rippen vorhanden sind?! Der Mähnenkamm ist dick und hart und gefühlt jedes Mal findest du dieselben Baustellen vor, wenn du zur Behandlung kommst? Es läuft kurz, Schultern sind verspannt, Hinterhand fest, ISG blockiert und die Hufe sehen auch nicht gut aus (hast vielleicht auch schon mal einen Kommentar zur Hufbearbeitung abgegeben, aber tatsächlich liegt es nicht immer an der Bearbeitung, sondern oft an inneren Problemen).

Jedes zweite Pferd ist gefährdet

Diese Pferde (und das sind geschätzt mittlerweile 60% der Pferde), die genetisch die Disposition haben insulinresistent zu sein und somit ein EMS entwickeln können, zeigen eben über Jahre hinweg schon Anzeichen der Stoffwechselentgleisung. Oft sind es verschiedenste kleinere Baustellen, die keiner im Zusammenhang sieht.

Oder es wird der Schuldige gesucht: Der Stallbesitzer füttert zu viel. Der Besitzer bewegt das Pferd nicht genug. Der Hufbearbeiter bearbeitet die Hufe nicht vernünftig. Der Physiotherapeut bekommt die Baustellen nicht in den Griff. Der Trainer schafft es nicht, dass das Pferd richtig aufmuskelt. Hast du das schon mal gehört?

Vertuschen & verdrängen funktioniert nur eine Zeit lang

Die Versuche der symptomatischen Behandlung sind vielfältig und kaschieren meist nur die grundlegende Problematik. Im schlimmsten Fall werden die Symptome so lange vertuscht bis eben das Drama da ist – der akute Hufreheschub.

Die Verantwortung liegt bei uns Experten!

Wir sehen da die Verantwortung auch zum Großen Teil bei uns. Denn wir als Profis werden zum Pferd geholt und die Pferdebesitzer vertrauen uns. Natürlich können wir nicht alle alles wissen und können, aber dann muss ich meine Grenzen klar erkennen und dem Pferdebesitzer auch kommunizieren. Gemeinsam kann man sich auch zu bestimmten Themen Unterstützung ins Team holen.

Jetzt aber nochmal zurück: Geschätzt mehr als jedes zweite Pferd ist gefährdet ein EMS zu entwickeln. Gerade im Freizeitbereich können wir da sehr sehr viele potenzielle Rehepferde sehen. Wahrscheinlich hast du auch schon das eine oder andere Pferd direkt im Sinn.

Wir sind als Hufbearbeiter, Trainer oder Therapeuten wie bereits gesagt, nicht der Nummer 1 Ansprechpartner in der Akutphase, aber wir haben viel viel größeren Einfluss: Denn wir sehen die Pferde in der subakuten Phase (was nicht heißt, dass nicht schon Schäden in den Hufen sind) und könne so durch gezielte Aufklärung und Beratung diese wirklich schmerzhaften Reheschübe verhindern.

Den Weg erkennen und die Abkürzung zeigen

Wir müssen nur erkennen, wann ein Pferd auf dem Weg zur Hufrehe ist und vor allem wissen, was die wichtigsten Bausteine für den Besitzer sind, damit das Pferd nochmal die Kurve kriegt und wieder fit und gesund wird – und bleibt.

Und nochmal zurück zu dir als Hufbearbeiter und Therapeut: Vielleicht ist deine Arbeit richtig gut und du kannst überhaupt nichts dafür, dass das Pferd schlechter läuft bzw. sich nicht verbessert. Aber vielleicht hättest du die Anzeichen einer Stoffwechselentgleisung erkennen können und zumindest den Besitzer auf das Problem und die Möglichen Folgen hinweisen können.

Die Kollegin hat übrigens den Kurs zum Thema Hufrehe mitgemacht und ist mittlerweile Feuer und Flamme für die Prävention!

Wenn du deinen Kunden bei der Prävention helfen möchtest, informier dich hier über den Profi-Kurs.

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